Luther in Worms (5/5): Der Mann, der verschwand
Wie aus Luthers scheinbarer Niederlage von Worms ein Triumph wurde – und was die Reformation uns heute noch sagt.
Es war ein sonniger, milder Maitag, als ich im vergangenen Jahr zur Wartburg hinaufgewandert bin. Der Weg war angenehmer, als ich erwartet hatte, schließlich thront die Wartburg hoch über Eisenach und den Wipfeln des Thüringer Waldes. Die Burg erinnert gar nicht an das Räuberverlies, das man sich vielleicht ausmalen könnte. Eher ist sie ein repräsentatives Schmuckstück. Bei einer Führung lerne ich: Die Wartburg war weniger militärische Trutzfeste als vielmehr Bühne der Macht, ein Ort, an dem sich Herrschaft zeigte. Und sie war über die Jahrhunderte immer wieder Projektionsfläche – ausgeschmückt unter den Hohenzollern mit einem ziemlich protzigen Mosaik, versehen mit einem riesigen Ballsaal, der mittelalterlich tut, aber eigentlich eine Rekonstruktion des 19. Jahrhunderts ist. Hier, erfahre ich, bekommen heute Eisenacher Abiturientinnen und Abiturienten ihre Zeugnisse überreicht.
Aber ich bin natürlich wegen eines anderen Bewohners hier. Am Ende der Führung stehe ich in Luthers Stube – jenem Raum, in dem er die Bibel übersetzte. Erstaunlich hell ist es hier, gar nicht wie in einem dunklen Gewölbe. Karg ist das Zimmer, holzvertäfelt. An der Wand habe ich nach dem berühmten Tintenfleck gesucht, der entstanden sein soll, als Luther mit dem Tintenfass nach dem Teufel warf. Gefunden habe ich ihn nicht. (Was kein Wunder ist: Der Fleck wurde über die Jahrhunderte von Wartburg-Besuchern abgekratzt und immer wieder "aufgefrischt" und ist heute verschwunden. Auch die Anekdote selbst ist nicht belegt.)
Wie aber kam Luther überhaupt hierher? Und warum wurde aus diesem Versteck einer der prominentesten deutschen Geschichtsorte, wie nicht nur die vielen anderen Besucher bezeugen, die an jenem Tag mit mir die Burg erkundeten? Das ist die Geschichte, mit der unsere kleine Expedition auf den Spuren von Luthers Auftritt in Worms endet.
Ein Verschwinden mit Ansage
Am Ende des dritten Teils dieser Serie stand Luther in Worms vor Kaiser Karl V. – und weigerte sich standhaft, seine Schriften zu widerrufen. Wenige Tage später unterschrieb der Kaiser das Wormser Edikt und verhängte damit die Reichsacht. Luther war "vogelfrei", wie man so sagt. Konkret bedeutete das den Ausschluss aus der Gemeinschaft. Der Kaiser befahl mit dem Edikt seinen Untertanen
"...dass ihr alle gemeinsam sowie jeder Einzelne von euch den vorgenannten Martin Luther weder beherbergt, aufnehmt, speist oder tränkt, noch ihm Unterschlupf gewährt. Auch sollt ihr ihm weder mit Worten noch mit Taten, weder heimlich noch öffentlich, irgendeine Hilfe, Unterstützung, Beistand oder Förderung leisten."
Wormser Edikt
Zwar durfte Luther, wie ihm vorher versprochen worden war, aus Worms abreisen. Doch auf dem Rückweg nach Wittenberg verlor sich seine Spur im Thüringer Wald.
Für die Zeitgenossen muss das ein Schock gewesen sein. Hatte man Luther dasselbe angetan wie hundert Jahre zuvor dem Kirchenreformator Jan Hus, den man auf einem Scheiterhaufen verbrannt hatte? Die Historikerin Luise Schorn-Schütte hat mir im Interview beschrieben, wie sich diese Ungewissheit angefühlt haben musste:
"Sie müssen sich vorstellen: die Leute wussten alle: Der Luther ist weg. Was hat der Kaiser mit dem gemacht?"
Luise Schorn-Schütte, Historikerin, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Tatsächlich aber steckte nicht der Kaiser hinter Luthers Verschwinden, sondern Luthers eigener Schutzherr: Friedrich der Weise. Es war eine Scheinentführung. Friedrichs Reiter fingen Luther ab und brachten ihn auf die Wartburg in Sicherheit. Auch den Ort dieser "Entführung" kann man übrigens im Thüringer Wald besuchen. Eine kleine Stele erinnert daran.
Warum dieser dramatische Schritt? Luise Schorn-Schütte vergleicht ihn einer Antwort auf einen hingeworfenen Fehdehandschuh. Friedrich, so erklärte sie mir, war schlicht nicht sicher, ob der Kaiser sein Wort halten würde. Dass dieses Misstrauen berechtigt war, weiß man heute aus Briefen, die Karl V. an seine Geschwister schrieb, die Friedrich aber damals nicht kennen konnte. Darin gab sich der Kaiser fest entschlossen, die Sache notfalls mit Gewalt zu beenden. Friedrich ahnte das wohl nur. Aber er ahnte richtig.
Und noch etwas zeigt die Episode: Mit der Scheinentführung handelte ein mächtiger Landesfürst ganz offen gegen den Kaiser – und kam damit durch. Genau jenes "Ringen um Dominanz" zwischen Zentralgewalt und selbstbewussten Fürsten, von dem im vierten Teil der Serie die Rede war, trat hier offen zutage.
Ein Mönch im Versteck wird zum Übersetzer
Auf der Wartburg lebte Luther fortan getarnt als "Junker Jörg". Die erzwungene Ruhe nutzte er für etwas, das Deutschland und die Welt vielleicht noch mehr verändern sollte, als sein Auftritt in Worms: Er übersetzte das Neue Testament ins Deutsche.
Das klingt unspektakulärer, als es war. Luise Schorn-Schütte hat mir im Interview deutlich gemacht, was für eine Leistung dahintersteckte – und dass es eben nicht nur um Theologie ging:
"Das war nicht nur ein theologischer Akt, das war ein sprachwissenschaftlicher Akt ersten Ranges. Das akzeptieren inzwischen übrigens auch die katholischen Theologen."
Luise Schorn-Schütte, Historikerin, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Luther übersetzte nicht einfach die lateinische Bibel, die sogenannte Vulgata, sondern er ging so weit wie möglich auf die griechischen und hebräischen Urtexte zurück. Das passte zu seinem ganzen theologischen Programm: zurück zum Kern, zurück zur Schrift. Vor allem aber sollten die Menschen die Bibel endlich selbst lesen und verstehen können. Das Neue Testament erschien bereits im September 1522. Das Alte Testament, das er gemeinsam mit Gelehrtenkollegen wie Philipp Melanchton übersetzte, folgte erst mehr als zehn Jahre später. Das Gesamtergebnis war ein Buch, das die Praxis des Glaubens ebenso reformierte wie die Bildung, gerade auch für Mädchen und Frauen.
"Nach sechzig oder siebzig Jahren lag in all den Pfarrhäusern bei den Protestanten eine Bibel auf dem Tisch. Und auch die Mädchen durften die lesen lernen."
Luise Schorn-Schütte, Historikerin, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Im Lutherhaus in Eisenach konzentriert sich eine teils interaktiven Ausstellung darauf, wie diese Übersetzung vonstatten ging. Sie zeigt, wie langwierig und aufwendig die Suche nach dem passendsten Ausdruck war. Mit der Übersetzung der Bibel schlug Luther in jedem Fall das nächste Kapitel der Reformationsgeschichte auf.
Dass es heute überhaupt ein Lutherhaus gibt, einen Luther-Wanderweg, eine sorgsam erhaltene Lutherstube auf der Wartburg, zeigt: Was hier seinen Lauf nahm, ließ sich nicht mehr aufhalten. Selbst Kaiser und Papst vermochten es nicht mehr, die Reformation zu stoppen.
Was bleibt: ein Rückblick auf unsere (erste) Expedition
Damit schließt sich der Kreis unserer einmonatigen Spurensuche. Fünf Wochen lang haben wir uns Luthers Auftritt in Worms aus immer neuen Blickwinkeln angesehen – Zeit für ein Fazit.
Wir haben gesehen, dass Luthers Kritik an der Kirche in Deutschland auf ausgesprochen fruchtbaren Boden fiel. Schon auf seiner Reise nach Worms wurde er gefeiert wie ein Volksheld. Das hatte einen Grund: Der Ruf der Kirche, genauer der Päpste, war in Deutschland ruiniert. Volker Reinhardt hat es im Interview unmissverständlich formuliert:
"Die Päpste galten als korrupte, nepotistische, also ausschließlich im Interesse ihrer Familien handelnde Fürsten. Man glaubte ihnen nicht mehr."
Volker Reinhardt, Historiker, Universität Freiburg (Schweiz)
Wir haben gesehen, wie die Kirche zurückschlug: mit dem Ketzerprozess gegen Luther und seiner Exkommunikation am Ende dieses Prozesses. Eigentlich hätte darauf zwingend die Reichsacht folgen müssen. Dass die zunächst ausblieb, hatte Luther mächtigen Landesfürsten zu verdanken, die nur wenig Interesse hatten, dem Kaiser zu gehorchen. Stattdessen wollten sie vor allem ihre eigene Macht ausbauen. Ganz besonders hervor tat sich dabei Friedrich der Weise – Luthers Landesherr. Der mächtige Kurfürst wollte sich von dem gerade gewählten jungen Kaiser Karl V. nichts vorschreiben lassen. Schließlich handelte er sogar direkt gegen Karl V., indem er Luther zum Schein entführen und auf der Wartburg in Sicherheit bringen ließ.
Kirchen- und Reformationsgeschichte ist heute nicht besonders en vogue – dem Luther-Wanderweg und dem Besucherandrang auf der Wartburg zum Trotz. Das hat bestimmt mit nachlassender Kirchenbindung zu tun. Und damit, dass die Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten in Deutschland heute weniger drängend wirken. Wo sich hierzulande Debatten ums Thema Religion entzünden, geht es viel häufiger um den Islam.
Die Beschäftigung mit Luther und seinem Auftritt am Rande des Wormser Reichstag hat mir aber noch einmal zwei Dinge in Erinnerung gerufen.
Erstens, wie gefährlich Religionskritik damals war. Luther stand unter enormem Druck, befand sich zeitweise in Lebensgefahr. Das erinnert daran, dass Religion eben auch ihre Gefahren hat – offenkundig bis heute, und offenkundig über Religionsgrenzen hinweg. Die Freiheit, Religionen und ihre Vertreter kritisieren zu können, ist ein echter, hart errungener Fortschritt.
Und zweitens hat Luther mir Respekt abgenötigt für eine sehr menschliche, überzeitliche Haltung: Standhaftigkeit. Dass Luther dem ungeheuren Druck zum Trotz, unter dem er gestanden haben muss, nicht einknickte, das ist schon enorm.
Vielleicht ist das die eigentliche Spur, die wir auf dieser Expedition gefunden haben: ein Mensch, der trotz Angst bei seiner Überzeugung blieb.
Danke, dass du auf dieser ersten Expedition mitgekommen bist. Im Juni brechen wir zu einem neuen Thema auf. Es geht (schon wieder!) um Kirchengeschichte, aber dieses Mal in einer besonders spannenden Epoche: Der Spätantike.
Wenn dir diese Serie gefallen hat, abonniere den kostenlosen Newslette. Dann verpasst du auch die nächste Expedition nicht.
Bisher in der Serie "Luther in Worms":




Mehr lesen, hören und besuchen:
Wartburg, Eisenach (mit Lutherstube)
Volker Reinhardt: Luther, der Ketzer. Rom und die Reformation. München 2017.
Luise Schorn-Schütte: Die Reformation. Vorgeschichte, Verlauf, Wirkung. München 2017.
Tobias Sauer: 18.04.1521: Martin Luther steht vor dem Reichstag in Worms. WDR ZeitZeichen, 18.04.2026.