Luther in Worms (4/5): „Ringen um Dominanz“

Luise Schorn-Schütte über die machtpolitischen Hintergründe von Luthers Aufritt in Worms.

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Gemälde aus dm 16. Jahrhundert, es zeigt einen Mann mit Schnurr- und Backenbart, gelocktem Haar unter einem Hut. Der Mann trägt einen Pelzmantel. Es handelt sich um den sächsischen Kurfürst
Luthers Landesherr Friedrich der Weise hielt seine Hand schützend über den Reformator. Gemälde aus der Werkstatt Lucas Cranach d. Ä., im Historischen Museum Regensburg.

Historikerin Luise Schorn-Schütte über die machtpolitischen Hintergründe von Luthers Aufritt in Worms – und die Ähnlichkeiten zu einer heutigen Schulhofkeilerei.

Der Umgang mit der Affäre Martin Luther war mehr als theologischer Disput. Luthers Kritik am Ablasshandel und den Institutionen der Katholischen Kirche hatte auch eine politische Dimension. Im Interview blickt die Historikerin Luise Schorn-Schütte von der Universität Frankfurt am Main hinter die Kulissen von Worms.

Frage: Frau Schorn-Schütte, wenn wir heute über Martin Luther sprechen, denken wir oft an einen mutigen Mann, der gegen eine korrupte Kirche aufbegehrte. In Ihrem Verständnis ist die Reformation aber auch ein hochexplosives politisches Ereignis. Schauen wir auf den Skandal, der die Reformation auslöste: Den Ablasshandel.

 Luise Schorn-Schütte: Wir müssen hier vorsichtig sein mit unseren modernen Begriffen des 21. Jahrhunderts. Für Luther war der Ablasshandel kein „Skandal“ im Sinne einer bloßen moralischen Entrüstung. Für ihn als Augustinermönch war das, was der Ablassverkäufer Johannes Tetzel trieb, ein Sakrileg. In Luthers Wahrnehmung durfte es keinen Geldhandel mit der Sündenvergebung geben. Er war anfangs fest davon überzeugt, dass der zuständige Erzbischof von Mainz von diesem Missständen nichts wusste. Er schrieb ihm einen Brief in dem Glauben, die Obrigkeit würde einschreiten, wenn sie erst von diesen Zuständen erführe. Die Erkenntnis, dass es sich um eine bewusste finanzielle Transaktion von höchster Stelle handelte, hat ihn zutiefst erschüttert.

Dieser Konflikt hatte nicht nur eine theologische Dimension, sondern wurde schnell auch sehr politisch.

Bisher galt: Wer sündigt, kann sich durch gute Werke oder gegen Geld freikaufen. Luther aber entwickelte ein anderes Verständnis des Neuen Testaments: Gott erlöst dich nicht durch irgendwelche äußeren Tätigkeiten, sondern allein durch seine Gnade. Folgt man dem konsequent und geht zum Kern des Neuen Testaments zurück, dann braucht man allerdings auch keine Kirche mehr, keinen Papst, keine Kerzen und keinen Weihrauch, sondern nur eine Gemeinde und den Prediger. Das hatte enorme Konsequenzen für die auch weltlich ja sehr mächtige Institution der Katholischen Kirche, was deren Amtsträger durchaus als Gefahr wahrnahmen. 

Auch für Luther war das gefährlich. Gemäß der Verfassung des damaligen Heiligen Römischen Reiches musste die Reichsacht über alle verhängt werden, die von der Kirche exkommuniziert wurden. Im Jahr 1520 exkommunizierte der Papst Luther, dem damit die Rechtlosigkeit drohte. Warum schreckte Luther das nicht ab?

Luther waren diese Gefahren klar. Aber er wusste auch, dass er, mittlerweile Professor der Universität Wittenberg, unter dem Schutz seines Landesherrn stand. Kurfürst Friedrich der Weise war eine zentrale Figur im Heiligen Römischen Reich. Solange Friedrich der Weise Luther unterstützte, konnte sich Luther gut geschützt fühlen.

War diese Unterstützung eine Frage des Glaubens oder pures Machtkalkül?

Beides ist eng miteinander verquickt. Friedrich der Weise war ein theologisch interessierter Mensch, aber auch ein Machtmensch. Als Kurfürst war er sehr daran interessiert, Sachsen zu einem für die damalige Zeit modernen und entwickelten Staat auszubauen, auch um gegenüber den anderen Kurfürsten mächtig zu sein. Er brauchte dafür eine funktionierende Verwaltung, gute Schulen, eine Universität. Friedrich der Weise war stolz, mit Luther einen gelehrten Mann für seine noch junge Universität Wittenberg gewonnen zu haben. Gleichzeitig sprach auch die machtpolitische Konstellation im Reich für Friedrich den Weisen. Luthers Thesen wurden genau zu der Zeit öffentlich wahrgenommen, als die Wahl des neuen Kaisers anstand. Friedrich der Weise war als Kurfürst wahlberechtigt und eine Schlüsselfigur in diesem Prozess. Diese Position nutzt er gnadenlos im Interesse Luthers aus.

Ein Beispiel für die geschickte Machtpolitik Friedrichs des Weisen ist seine Reaktion auf die Forderung, Luther zum Verhör nach Rom auszuliefern. Der Kaiser stand dem offen gegenüber, Friederich der Weise verhinderte das. Wie ging er dabei vor?

Friedrich der Weise wollte sich von diesem „Jüngelchen“, wie er den zu diesem Zeitpunkt gerade gewählten, zwanzigjährigen Karl V. sah, nicht vorschreiben lassen, was er mit seinem Gelehrten Dr. Luther zu tun habe. Es ging dabei auch um das Selbstverständnis der Reichsfürsten. Sie lehnten die Idee ab, der Kaiser sei ihr Oberherr. Stattdessen argumentierten sie: Wir haben den Kaiser gewählt, wir können ihn auch wieder absetzen. Sie forderten also Teilhabe an der Macht. Friedrich der Weise hat sich in dieser Situation mit den anderen Kurfürsten zusammengetan und entschieden: Wir können uns nicht alles gefallen lassen, sondern müssen klare Kante zeigen. Sie wollten also bestimmen, wo das Verhör stattfindet und wie lange es dauert, und sie fordern für Luther Geleitschutz. Das Ganze war also ein Machtkampf, wie bei Jungs auf dem Schulhof. In dieser Phase war völlig offen, wer im Reich das Sagen hatte.

Und die Fürsten setzten sich durch?

Kurzfristig musste der Kaiser nachgeben, weil er die Unterstützung der Kurfürsten gegen Frankreich und die Türken brauchte. Deshalb kam es zum Aufeinandertreffen in Worms. Aber die Bewertung dieses Treffens war dann zunächst eine andere: Friedrich der Weise hatte den Eindruck, das Treffen sei richtig schiefgelaufen. 

Warum?

In dem Sinne, dass sich Luther in Worms nicht darauf einließ, seine Äußerungen abzuschwächen. Friedrich der Weise hatte die Sorge, der Kaiser könne Luther nun doch gefangen nehmen. Tatsächlich wurde wenig später die Reichsacht über Luther verhängt. Damit war der Kaiser Friedrich dem Weisen im übertragenen Sinne den Fehdehandschuh hin. Friedrich der Weise reagierte, indem er seine Reiter schickte, um Luther abzufangen. Versteckt auf der Wartburg entzog Friedrich der Weise Luther dem Zugriff des Kaisers. 

Was zeigt uns der Blick auf die verfassungsrechtliche Geschichte der Reformation heute noch?

Die Machtkonstellation zwischen einer Zentrale, die Gehorsam verlangt, und Ländern, die auf ihre Autonomie pochen, zieht sich von der damaligen Reichsreform über die Weimarer Verfassung bis in unsere heutige Zeit. Der Umgang mit Martin Luther war Teil dieses Ringens um Dominanz.

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