"Ein GAU für die Kurie"
Historiker Volker Reinhardt über die Perspektive des Papstes auf Martin Luther – und die Schimpfworte, die man in Rom für Luther verwendete.
Der Auftritt Martin Luthers am Rande des Reichstags in Worms gilt als Wendepunkt der Weltgeschichte. Doch wie blickte man in Rom auf das „obskure Mönchlein“ aus dem fernen Norden? Der Historiker Volker Reinhardt von der Universität Freiburg (Schweiz) hat für sein Buch „Luther, der Ketzer“ die römischen Archive ausgewertet.
Frage: Herr Reinhardt, Luther griff die Kirche wegen des Ablasshandels an. War ihm eigentlich klar, welche komplexen Finanzgeschäfte hinter diesem System standen?
Volker Reinhardt: Im Vergleich zu den Cum-Ex-Finanzoperationen des 21. Jahrhunderts war das System recht simpel. Rom verkaufte „Indulgenzen“, um die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen. Dort mussten, so die Vorstellung, die Menschen für ihre Sünden büßen. Die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen, brachte Rom viel Geld ein. Im Fall Luthers war die Operation besonders pikant. Albrecht von Brandenburg wollte Erzbischof von Mainz werden, obwohl er bereits Erzbischof von Magdeburg und Administrator des Bistums Halberstadt war. Ämterhäufung war eigentlich verboten, und Rom ließ sich Ausnahmen teuer bezahlen. Die Kurie und Rom einigten sich schließlich auf einen Deal: Albrecht durfte acht Jahre lang Ablässe verkaufen. Die Hälfte der Einnahmen ging direkt nach Rom, die andere Hälfte nutzte er, um die Ausnahmegebühr begleichen zu können. Luther missbilligte das theologisch, vor allem aber die marktschreierische Zusage, man könne sich damit den Zugang zum Himmelreich erkaufen. Das war selbst nach römischer Lehre falsch. In Rom drückte man aber ein Auge zu, solange dies bei den Verkäufen half.
Gab es in Rom nach Luthers Kritik im Jahr 1517 irgendein Unrechtsbewusstsein?
Nein, in keiner Weise. Da prallten unvereinbare Welten aufeinander. Luthers gefährlichste These war, dass der Papst gar keine Verfügungsgewalt über das Fegefeuer habe. Damit stellte er die Plenitudo potestatis, die Machtvollkommenheit des Papstes, infrage. Das war für Rom ein existentieller Angriff.
Luthers Gegenspieler war Leo X. aus dem Hause Medici. Was war das für ein Mensch?
Thomas Mann wollte mit ihm „Kaffee trinken“, weil er so kultviert war. Davon würde ich abraten. Leo X. war zwar ein Kulturgenießer, aber zugleich ein knallharter Machtmensch. Sein wichtigstes Ziel war die Etablierung seiner Familie als Fürsten von Florenz. Diesem Ziel ordnete er alles unter. Er verstand es lediglich, sich ein freundliches Image zuzulegen.
Welches Bild hatte man in Rom von Martin Luther?
Seit Jahrhunderten waren immer wieder Bewegungen aufgekommen, die dem Papst seine Macht absprachen. In diese Tradition ordnete man Luther ein. Man kann häufig lesen, dass Leo X. Luther und die Reformation unterschätzt habe. Das stimmt nicht. Schon Anfang Februar 1518 wusste man in Rom, da wird es hart auf hart gehen.

Gleichzeitig blickt man auf Luther herunter.
Es galt als undenkbar für die Würde des Papstes, auf die Vorwürfe eines obskuren Mönchleins einzugehen. Allein schon dieser Akt der Kritik galt in Rom als ungeheure Dreistigkeit, wie man sie eigentlich nur von Barbaren erwarten konnte, wie sie da irgendwo im Nordosten Deutschlands lebten, wo kein Italiener jemals freiwillig hinging. Die Schimpfwörter für Luther waren grob: „Hund“ und „Bestie“ gehörten noch zu harmloseren. Aber einem Barbaren machte man keine Zugeständnisse, das wäre ein verhängnisvoller Präzedenzfall gewesen.
Wie ging man stattdessen gegen Luther vor?
Man beauftragte den päpstlichen Haustheologen Prierias, Luthers Schriften zu widerlegen. Dieser tat das mit einer maßlosen Arroganz und behandelte Luther wie einen Wahnsinnigen. Im Juni 1520 wurde Luther abgemahnt, im Januar 1521 offiziell als Ketzer verurteilt. Politisch versuchte man, Luthers Landesherrn Friedrich den Weisen zu ködern – etwa mit dem Versprechen, ihn zum Kaiser zu machen. Doch Friedrich lehnte ab. Die Kurie übersah, dass ihr Kredit in Deutschland längst verspielt war. Man hielt die Päpste schlicht für korrupt.
Eine Schlüsselfigur in Worms war der päpstliche Gesandte Girolamo Aleandro. Wie blickte er auf die Ereignisse?
Aleandro war ein Spitzenhumanist, ein Experte des Lateinischen und des Griechischen, aber eben kein Fachtheologe. Aleandro musste sich also in diese theologischen Spitzfindigkeiten, als solche betrachtete er die Diskussion, einarbeiten. Er behauptete, Luthers Schriften gelesen zu haben, und das hat er wohl auch. Allerdings hat er sie systematisch missverstanden, weil er von vornherein davon überzeugt war, hier schreibt ein größenwahnsinniger Idiot. Er las in Luthers Schriften nur das, war er ohnehin über Barbaren dachte: dass sie alle Ordnung auflösen wollen.
Dass Luther in Worms aussagen durfte, war für Aleandro ein Skandal.
Es war ein GAU, der schlimmste anzunehmende Unfall. Luther war bereits ein rechtsgültig verurteilter Ketzer. Ihn vor ein Forum der Fürsten zu rufen und ihm dann auch noch die Gelegenheit zu geben, seine Meinung ausführlich darzulegen, war aus römischer Sicht eine Ungeheuerlichkeit. Aleandro musste ohnmächtig zusehen, als Luther wie ein Volksheld und wie ein Ehrengast empfangen wurde. Er war fassungslos und ärgerte sich maßlos.
Luther beharrte in Worms darauf, nur aus der Bibel widerlegt zu werden. Wie kam dieses Argument an?
Das war für Aleandro das ultimative Kennzeichen eines Barbaren: die totale Selbstüberschätzung. Luther setzte seine Interpretation der Bibel mit der biblischen Wahrheit gleich. Dass ein Einzelner behauptete, es besser zu wissen als alle Kirchenväter und Heiligen vor ihm, galt als pure Anmaßung.
Wäre zu diesem Zeitpunkt noch eine Verständigung möglich gewesen?
Nein. Luther hatte den Papst bereits als Antichristen bezeichnet. Zudem entwickelte er eine Lehre, die die Bedeutung guter Werke für das Seelenheil radikal ablehnte. Entscheidend für das Seelenheil sei nur der göttliche Wille. Wer diese Theologie ernst nimmt, sieht: Da gab und gibt es keine Basis für einen Kompromiss.
Was können wir heute noch aus diesem historischen Aufeinandertreffen in Worms lernen?
Wir sehen, wie tief national geprägte Vorurteile sitzen können. Die Humanisten entdeckten damals die „Nation“ und damit auch die Abwertung fremder Nationen. Wir sehen zudem, wie Religion als Instrument der Machtpolitik genutzt wird und wie schnell Überzeugungen in Fanatismus umschlagen. Außerdem haben die gegenseitigen Klischees vom „deutschen Barbaren“ und dem „verlogenen Römer“ die Geschichte über Jahrhundert belastet. Auf der Wormser Bühne prallten diese Konflikte in aller Härte aufeinander.
Mehr erfahren:
Volker Reinhardt: Luther, der Ketzer. Rom und die Reformation. München 2017.
Tobias Sauer: 18.04.1521: Martin Luther steht vor dem Reichstag in Worms. WDR ZeitZeichen, 18.04.2026.
Mehr in dieser Serie:

Und im nächsten Teil am kommenden Sonntag: Die 48 Stunden von Worms.