Ein Ketzer als Volksheld

Wie Martin Luther mit seiner Reise nach Worms die Welt veränderte.

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Denkmal Martin Luthers auf einem Sockel und zwischen zwei Säulen auf dem Marktplatz von Wittenberg. Luther hält ein aufgeschlagenes Buch in den Händen.
Martin-Luther-Denkmal auf dem Marktplatz in Wittenberg. Hier begann Luthers Reise nach Worms im April 1521.

Worms, 16. April 1521. Eine schlichte Pferdekutsche rollt durch das Stadttor, begrüßt von Trompetenfanfaren. Auf den Straßen drängen sich die Menschen. Sie wollen ihn sehen, den „Erzketzer“. Den Mann, der es gewagt hat, Papst und Kirche anzugreifen und der so die Grundfesten der mächtigsten Institution seiner Zeit erschütterte: Martin Luther. Hier, in Worms, soll sich Luther am Rande des Reichstags vor Vertretern des Papstes und vor dem Kaiser persönlich verantworten – und seine Thesen widerrufen.

Luthers Auftritt in Worms im Frühjahr 1521 war ein Polit-Thriller von europäischem Ausmaß. In diesem ersten Teil einer fünfteiligen Serie blicken wir darauf, wie der Mönch und Theologieprofessor aus Wittenberg zum Papstfeind Nummer eins wurde. 

Wenn die Kasse klingt

Die Affäre Luther begann vier Jahre zuvor mit einem handfesten Finanzskandal. Als Prediger und Seelsorger hörte Luther von seinen Gläubigen schier Unglaubliches. 

"Er hat von dem Ablasshandel als Prediger in Wittenberg gehört, als Pfarrer, der Beichte abnahm. Und da kamen die Leute aus Sachsen und aus Thüringen zu ihm."
Luise Schorn-Schütte, Historikerin, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Ein Mönch, so berichteten ihm die Gläubigen, zog demnach durch die Lande und verkaufte im Auftrag der Kirche den Ablass. Der Mönch – und andere Ablassverkäufer – erklärten marktschreierisch, man könne damit Gottes Gnade gegen klingende Münze erwerben. All das koste nur einen kleinen Obolus. Auch die Sünden bereits Verstorbener ließen sich so tilgen. Und sogar zukünftige Sünden könne man gewissermaßen schon vorbeugend entschärfen.

All das war aus Sicht Martin Luthers ein unglaublicher Skandal. Es widersprach allen Überzeugungen, die der Theologieprofessor beim Bibelstudium gewonnen hatte. Demnach könne nur Gott selbst Sünden vergeben, aber kein Mensch – auch nicht der Papst und seine Beauftragten.

Was Luther damals nicht ahnte: Mit der Kritik am Ablasshandel griff er ein ziemlich komplexes Finanzgeschäft an, von dem nicht nur der Papst, sondern auch viele einflussreiche Adelsfamilien profitierten. Und bei dem es sogar um das Recht auf die Wahl des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches ging.

„Im Vergleich zu den Cum-Ex-Operationen des 21. Jahrhunderts war es eigentlich ziemlich simpel.”
Volker Reinhardt, Historiker, Universität Freiburg (Schweiz)

Im Zentrum des Geschäfts stand Albrecht von Brandenburg. Als zweiter Sohn des Markgrafen von Brandenburg war ziemlich wahrscheinlich, dass er keine Chance hatte, Nachfolger seines Vaters zu werden. Wie viele jüngere Söhne mächtiger Adelsfamilien schlug er stattdessen eine kirchliche Laufbahn ein und wurde 1513 Erzbischof von Magdeburg sowie, kurz darauf, Administrator des Bistums Halberstadt. An sich waren Ämterhäufungen nicht erlaubt. Denn ein Bischof sollte, so die Theorie, für seine Gläubigen vor Ort ansprechbar sein. Albrecht aber strebte sogar noch ein drittes Bistum an, das prestigeträchtige Erzbistum Mainz. Die Mainzer Erzbischöfe waren mächtige Männer. Sie zählten zu den sieben Kurfürsten des Reiches. Als Erzbischof von Mainz hätte Albrecht, wie sein Vater und später sein älterer Bruder als Kurfürst von Brandenburg, zu den Wählern des Kaisers gezählt.

Aber, wie gesagt, eine solche Ämterhäufung war nach kirchlichem Recht eigentlich verboten. Doch in Rom wusste man mit solchen Problemen umzugehen – und bot Albrecht für die runde Summe von 10.000 Dukaten, dem Dreihundertfachen eines durchschnittlichen Handwerkereinkommens, eine Ausnahmegenehmigung. Da selbst der Spross einer großen Adelsfamilie so viel Geld nicht bar herumliegen hatte, einigten sich Albrecht und die römische Kurie, das Geld zunächst vorzustrecken und dann durch den Verkauf der Ablassbriefe aufzubringen. Der Deal wurde vollzogen, und Albrecht tatsächlich Erzbischof von Mainz, Kurfürst und später sogar Kardinal.

Doch es war auch genau dieser Deal und der besonders aggressive Ablasshandel, der ihm folgte, der die beißende Kritik Martin Luthers auf sich zog. Mit seinen berühmten 95 Thesen vom Oktober 1517 kritisierte Luther neben dem Ablasshandel viele weitere Praktiken der Katholischen Kirche. Innerhalb kürzester Zeit verbreitete sich Luthers Kritik und stieß auf breite Resonanz in der Öffentlichkeit. Luthers Thesen wurde zum Auslöser der Kirchenreformation, die Europa und die Welt für immer verändern sollten.

Rom und der „deutsche Barbar“

In Rom reagierte man prompt. Papst Leo X., aus der mächtigen Familie der Medici und ein knallharter Machtpolitiker, erkannte früh: Diese Affäre könnte noch gefährlich werden. Denn Luthers Kritik legte die Axt an ein äußerst einträgliches Geschäft.

In Rom setzte man sich also zur Wehr. Theologen schrieben gegen Luthers Thesen an und verlangten, auch er selbst solle seine Äußerungen zurücknehmen. Als Luther sich weigerte, strengte die Kirche einen Ketzerprozess an. Am 15. Juni 1520 erließ Leo X. schließlich eine Bannandrohungsbulle. Damit räumte er Luther letztmalig sechzig Tage ein, seine Thesen zu widerrufen. Weigerte er sich, würde er als Ketzer aus der Kirche ausgeschlossen. Und genau so kam es. Luther blieb standhaft. Als Konsequenz wurde er als Ketzer verurteilt.

Der Schutzherr: Machtpolitik und Kirchenrecht

Eigentlich hätte der Kaiser nun den Bann über Luther aussprechen müssen. Luther wäre damit rechtlos gewesen. Dass es nicht sofort dazu kam, verdankte Luther seinem Landesherrn, dem sächsischen Kurfürsten Friedrich den Weisen. Der setzte durch, dass Luther zunächst auf deutschem Boden vor dem Kaiser angehört werden sollte. Als Termin einigten sich Friedrich und der Kaiser auf den April 1521, wenn sich ohnehin die mächtigsten Fürsten des Reiches zum Reichstag in Worms versammelten. Für die An- und Abreise wurde Luther freies Geleit zugesichert. 

All das war ein diplomatischer Affront gegen den Papst. Denn einem bereits verurteilten Ketzer wurde auf diese Weise eine Bühne geboten. Und was für eine!

Ankunft im Ungewissen

Luthers Reise von Wittenberg nach Worms glich einem Triumphzug. Und sie war von Luther und seinen Unterstützern bewusst inszeniert. Luther reiste in einem einfachen Wagen. Als armer, demütiger Gottesknecht verkörperte er den Gegensatz zum Prunk der Papstkirche. Entlang des Weges wurde Luther vielfach bejubelt. Viele kamen, um ihn predigen zu hören.

„Alle rufen Luther, wir wollen Luther sehen!“
Luise Schorn-Schütte, Historikerin, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Doch Luther begab sich auch in reale Gefahr. Er wusste genau, was rund hundert Jahre zuvor Jan Hus, einem anderen Kirchenkritiker, passiert war. Auch der sollte sich rechtfertigen, damals vor einem Konzil in Konstanz. Auch ihm war freies Geleit versprochen worden. Doch unter Bruch dieses Versprechens war er noch in Konstanz hingerichtet worden.

Als Luther am 16. April 1521 in Worms eintrifft, ist die Stadt im Ausnahmezustand. Nicht nur wegen des Reichstags. Sondern vor allem aufgrund des aufsehenerregenden Prozess, der hier stattfinden würde. Der päpstliche Gesandte Girolamo Aleandro gibt sich in einem Brief fassungslos: Ein bereits verurteilter Ketzer werde empfangen wie ein Fürst. Von einer großen Menschenmenge, begleitet von Reitern, unter Trompetenfanfaren.

Einen Tag später soll Luther vor dem Kaiser aussagen. Ist er bereit für den Showdown?

Mehr erfahren:


Volker Reinhardt: Luther, der Ketzer. Rom und die Reformation. München 2017.

Luise Schorn-Schütte: Die Reformation. Vorgeschichte, Verlauf, Wirkung. München 2017.

Tobias Sauer: 18.04.1521: Martin Luther steht vor dem Reichstag in Worms. WDR ZeitZeichen, 18.04.2026.

Mehr in dieser Serie:

“Ein GAU für die Kurie”
Historiker Volker Reinhardt über die Perspektive des Papstes auf Martin Luther – und die Schimpfworte, die man in Rom für Luther verwendete.