Luther in Worms (3/5): Showdown in Worms

Warum Martin Luther (trotz all seiner Schwächen) bei seinem Auftritt in Worms 1521 für Mut steht.

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Gemälde mit vielen Personen zeigt. Im Zentrum steht Martin Luther in schwarzer Robe und argumentierend. Links sitzt im Schatten auf einem Podest der Kaiser, neben ihm römische Gesandte.
Der Historienmaler Anton von Werner schuf dieses Gemälde zu Luthers Auftritt in Worms. Luther steht argumentierend vor dem sitzenden Kaiser.

Warum Martin Luther (trotz all seiner Schwächen) bei seinem Auftritt in Worms 1521 für Mut steht.

Stell dir vor, du lebst im 16. Jahrhundert. Und du stehst vor dem wahrscheinlich mächtigsten Mann Europas, dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Hinter dir liegen Bücher und andere Schriften, die du geschrieben hast – Schriften, für die du vor kurzem vom Papst exkommuniziert wurdest. Päpstliche Gesandte sind auch jetzt in diesem Festsaal. Die Gesandten werfen dir grundlegende Fehler in deinen Schriften vor, dazu viele Ungenauigkeiten. Und sie fordern von dir, dich von deinen Aussagen zu distanzieren. Denn du hattest die Kirche und den Papst etwa für den Verkauf von Ablassbriefen scharf angegriffen. Wenn du widerrufst, wie sie es nennen, darfst du gehen. Ansonsten droht dir möglicherweise der Tod, mit etwas Pech sogar auf dem Scheiterhaufen.

Was würdest du tun?

Diese Frage hat mich beschäftigt, als ich an meinem Beitrag für die WDR-Sendung ZeitZeichen zum Auftritt von Martin Luther in Worms gearbeitet habe. Denn genau in dieser Situation befindet sich Martin Luther am 17. April 1521.

Nur zwei Fragen werden ihm gestellt, als er in Worms vor dem Kaiser aussagen muss: Sind das deine Bücher? Und: Bist du bereit, deine darin vertretenen Thesen zu widerrufen?

Die erste Frage beantwortet Luther sofort mit Ja. Bei der zweiten zögert er. Er bittet um Bedenkzeit. Eine Bitte, die ihm gewährt wird. Die Anhörung wird unterbrochen, sie soll am nächsten Tag fortgesetzt werden.

Eine Nacht voller Zweifel

Die Situation, in der sich Luther befindet, ist eigentlich kaum auszuhalten. Nachdem der Papst ihn wenige Monate zuvor als Ketzer verurteilt hatte, hätte daraufhin eigentlich sofort die Reichsacht folgen müssen – Luther wäre vogelfrei gewesen. Dass er überhaupt nach Worms reisen und sich äußern durfte, war einer politischen Sondersituation zu verdanken: Sein Landesherr, der sächsische Kurfürsten Friedrich der Weise, hatte beim noch jungen Kaiser Karl V. durchgesetzt, dass Luther wenigstens noch einmal angehört wird. Für die An- und Abreise wurde ihm freies Geleit zugesichert.

Aus Sicht des päpstlichen Gesandten Girolamo Aleandro war schon das ein Skandal. Ein verurteilter Ketzer, dem man auch noch das Wort erteilt? Die Historikerin Luise Schorn-Schütte hat mir im Interview die Atmosphäre im Verhandlungssaal so beschrieben:

„Der Kaiser saß auf erhöhter Stufe, in einem besonderen Stuhl. Luther davor, er sprach Lateinisch. Es war schon eine sehr angespannte Situation, furchteinflößend."
Luise Schorn-Schütte

Luther ist natürlich völlig klar, was in diesem Moment auf dem Spiel steht. Rund 100 Jahre zuvor war der Reformator Johann Hus in einer ganz ähnlichen Situation gewesen – und trotz zugesicherten freien Geleits verbrannt worden. Luther kennt diese Geschichte. Er muss daran gedacht haben, als er in jener Nacht in seine Unterkunft zurückkehrt.

Zögern und Mut

Ich bin eigentlich kein großer Luther-Fan. Luther äußerte sich oft vulgär, er schimpfte und fluchte, war derb und verletzend. Auf krawalligen Social-Media-Plattformen hätte er sich wahrscheinlich ausgesprochen wohl gefühlt. In seinen späteren Schriften ließ er außerdem einem wilden Antisemitismus freie Bahn. Aber diese Tage in Worms, der 17. und der 18. April 1521, sind trotzdem beeindruckend. Jedenfalls dann, wenn man sie sich nicht nur einfach als Daten aus dem Geschichtsbuch merkt, sondern sich wirklich in den Menschen Luther hineinversetzt.

Am zweiten Tag erscheint Luther also erneut im Bischofspalast. Vor ihm sitzt wieder der Kaiser in seinem Stuhl. An den Grundlagen hatte sich über Nacht nichts geändert. Nach wie vor geht es auch um Luthers Leben. Und weiterhin fordern die mächtigen Männer, Luther solle seine Äußerungen zurücknehmen. 

Viele von uns wären in dieser Situation wahrscheinlich eingeknickt. Ich mit ziemlicher Sicherheit. Und das mit guten (oder jedenfalls mit nachvollziehbaren) Gründen – auf dem Scheiterhaufen können wir unsere Anliegen schließlich auch nicht mehr wirkungsvoll vertreten. Und das Leben an sich ist doch auch schön. Eine Art strategischer Rückzug wäre in dieser Situation also nur zu verständlich gewesen. Aber nicht so Luther. Er ist knickt nicht ein.

Stattdessen hält er eine Rede, die in die Geschichte eingeht. In der er zu seinen Äußerungen steht, sie sogar verteidigt. Den entscheidenden Satz formuliert er seiner Erinnerung nach so:

„Wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse oder einen klaren Grund widerlegt werde, so bin ich durch die von mir angeführten Schriftworte bezwungen. Und so lange mein Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will ich nicht widerrufen, weil es unsicher ist und die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen."
Martin Luther

Erst einige Jahre später, in einer redaktionellen Bearbeitung, wird daraus das berühmte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“. Aber das Entscheidende war auch mit ein paar zusätzlichen Worten deutlich genug gesagt: Luther unterwirft sich nicht dem Papst, nicht dem Kaiser, sondern allein der Bibel, der Heiligen Schrift, so wie er sie versteht.

Wie verunsichert war Luther wirklich?

Weil Luther am ersten Tag so verunsichert und vielleicht auch eingeschüchtert wirkte, gab sich der päpstliche Gesandte Girolamo Aleandro bereits siegessicher:

„Der Verrückte (gemeint ist natürlich Luther) war lachend eingetreten und hatte vor dem Kaiser andauernd mit dem Kopf gewackelt, nach links und nach rechts, nach oben und unten. Doch beim Weggehen sah er gar nicht mehr so fröhlich aus. Dieser erste Auftritt ist insgesamt nicht schlecht über die Bühne gegangen. Möge Gott es so fügen, dass die Anreise dieses Antichristen, die wir immer als widersinnig bekämpft haben, dem Frieden und der Ruhe der Christenheit dienlich werde!“
Girolamo Aleandro

Im Rückblick wirkt das Zögern Luthers am ersten Tag fast wie ein PR-Schachzug. Oder wie ein Cliffhanger, damit das Publikum dran bleibt. Erst die Bitte um Bedenkzeit, dann der große Auftritt am Tag darauf. Denn am zweiten Tag gibt Luther eben ein ganz anderes Bild ab. War das alles so geplant? Die Historikerin Luise Schorn-Schütte ist skeptisch. Für sie war Luthers Zögern schlicht menschlich:

„Er muss diese Nacht durchwacht haben, um sich in seiner Überzeugung und der Bereitschaft, sie zu äußern, zu stärken."
Luise Schorn-Schütte

Die Quittung folgt – und Luther verschwindet

Das, was mich (und viele Leute vor mir) beeindruckt, nämlich Luthers Standhaftigkeit, sorgt in Worms allerdings nicht gerade für Applaus. Insbesondere Kaiser Karl V. ist empört. Wenige Tage später unterzeichnet er das sogenannte Wormser Edikt. Damit erklärt er Luther im gesamten Heiligen Römischen Reich für vogelfrei. Das bedeutet: Wer ihn beherbergt, ihn unterstützt, ihm hilft, macht sich strafbar.

Luther ist zu diesem Zeitpunkt, als Karl V. das Edikt unterzeichnet, schon wieder auf dem Rückweg nach Wittenberg. Doch während der Reise passiert etwas Unerwartetes: Luther verschwindet. Niemand weiß, wo er ist. Hat ihn der Kaiser gefangen genommen? Ist ihm vielleicht sogar dasselbe Schicksal widerfahren wie Johann Hus?

Tatsächlich aber steckt jemand ganz anderes hinter der Entführung – als solche stellt sich das Verschwinden bald heraus. Doch davon mehr am kommenden Sonntag in der nächsten Folge dieser fünfteiligen Mini-Serie. Dann spreche ich mit Luise Schorn-Schütte über die politische Dimension der Reformation.

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Mehr aus der Serie "Luther in Worms":

Ein Ketzer als Volksheld
Wie Martin Luther mit seiner Reise nach Worms die Welt veränderte.
“Ein GAU für die Kurie”
Historiker Volker Reinhardt über die Perspektive des Papstes auf Martin Luther – und die Schimpfworte, die man in Rom für Luther verwendete.

Mehr lesen und hören:


Volker Reinhardt: Luther, der Ketzer. Rom und die Reformation. München 2017.

Luise Schorn-Schütte: Die Reformation. Vorgeschichte, Verlauf, Wirkung. München 2017.

Tobias Sauer: 18.04.1521: Martin Luther steht vor dem Reichstag in Worms. WDR ZeitZeichen, 18.04.2026.